Wir haben der Angst eine Krone aufgesetzt!

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Angstmache in der Politik ist nichts Neues. Angst kann nicht neu erfunden, aber sehr wohl geschürt werden. Jeder von uns lebt mit bestimmten Ängsten, denn Angst zählt, wie etwa Freude, Überraschung, Traurigkeit, zu unseren Basisemotionen. Aus evolutionärer Sicht, sind sie jedoch nichts anderes als ein Weg des Körpers, äußere Reize zu beurteilen und entsprechend darauf zu reagieren. Welche Strukturen etwa im Gehirn uns sprichwörtlich „vor Angst erstarren lassen“, beschäftigt die Wissenschaftler schon lange. Angst kommt von αγχω und bedeutet drosseln, würgen; lateinisch angor Beklemmung, angustia Enge. Und genau so fühlen wir uns im Angesicht der Angst: Machtlos. Kein Wunder also, dass populistische Kommunikation oder journalistische Berichterstattung seit jeher genau mit diesen Ur-Emotionen spielt. Sobald wir bedroht werden, schaltet sich nämlich ein ganz wesentliches Grundbedürfnis dazu – der Wunsch nach Sicherheit. Unser tiefstes Inneres sehnt sich unweigerlich nach Schutz vor Gefahr. All diese Prozesse laufen automatisch ab – unser limbisches System im Gehirn generiert quasi fortwährend Emotionen – doch sind uns diese größtenteils nicht einmal bewusst. Angst und das Bedürfnis nach Sicherheit, können also aufgrund von direkter Erfahrung, oder aber auch durch Kommunikation (zb. durch Eltern, Medien, Politiker usw.) induziert werden. Vollkommen unbewusst. Diese Form der Kommunikation wird folglich Angstkommunikation genannt. Durch gezielte Langzeitanalysen der Bevölkerung, und dank geübter NLP-Berater und Psychologen, lässt sich somit ganz einfach ein ganzes Volk in eine bestimmte und gewünschte gesellschaftliche Richtung lenken. Menschen neigen dazu, selten objektiv zu sein. Ihre Gefühle leiten sie. Auch wenn die meisten unter uns, es nicht wahrhaben wollen. Starke Gefühle – wie etwa Todesangst – legen unser logisches Denkvermögen lahm. Reagieren dann auch noch andere Personen ängstlich (Massenhysterie), oder werden wir tagtäglich mit irgendwelchen Horrormeldungen überflutet (Manipulation durch Wiederholung), wird es sehr schwer für uns, aus diesem Teufelskreis wieder heraus zu gelangen. Eine weitere Möglichkeit Menschen zu lenken, besteht darin, ihnen bewusst Informationen vorzuenthalten, oder wichtige Angaben als Nebensache darzustellen. Besonders besorgniserregend ist es, wie populistische Führer es verstehen, Quergeister und Gegenmeinungen zu diskreditieren. Andersdenker sehen sich somit mit einer anderen Art der Angst konfrontiert: Der Angst vor Ausgrenzung. Soziale Ausgrenzung aus der Gemeinschaft wird als existenzielle Bedrohung wahrgenommen und kann den Kritiker mitunter mundtot machen.

„Angst führt zu einem neuen Stil von Moral. Was Angst mindert, ist gut. Angst hat immer recht.“

Niklas Luhmann (deutscher Soziologe und Gesellschaftstheoretiker, 1927-1998)

Die derzeitige Situation, die Corona Pandemie, sowie die mediale Berichterstattung darüber, haben mich seit März dazu veranlasst, mich wieder eingehender mit dem Thema Angst zu befassen. Vor Jahren habe ich sehr viele Bücher zu dieser Thematik gelesen und unzählige Studien dazu gewälzt. An Fachliteratur und alternativen Aufklärungsmöglichkeiten mangelt es heutzutage nicht. Sowieso, wer die Geschichte verstehen will, sollte sich einmal bewusst mit den Mechanismen der Angst und diversen Manipulationstechniken auseinandersetzen. Umso verwunderlicher erscheint es mir, wie gekonnt die Politik uns auch heute noch mittels dieser Urängste beherrscht. Dem Großteil der Bevölkerung scheint dies nämlich nicht einmal bewusst zu sein. Ohne dem Virus seine Gefährlichkeit abzusprechen, frage ich mich in Zeiten wie diesen wirklich, wie Gesundheitsrisiken vor 2020 vom Großteil der Bevölkerung tatsächlich wahrgenommen wurden. Gemessen am allgemein herrschenden Tenor, schlussfolgere ich: Gar nicht. Und dennoch ist es „die Tatsache umhin“, dass der Widerspruch des Lebens eben genau darin besteht, dass wir geboren werden, um zu sterben. Um unser Leben aber genießen zu können, und um nicht im Schrecken vor dem Tod in Starre zu verharren, lernen wir schon sehr früh uns mit dieser Tatsache zu arrangieren. Wir verdrängen. Wenn wir rauchen, Alkohol trinken, uns schlecht ernähren, uns der Gefahr von Geschlechtskrankheiten aussetzen oder Drogen nehmen, wird unsere Angst durch den Aufschub gemildert. Wir sterben ja nicht sofort daran. Dennoch sind es Risiken, die wir in Kauf nehmen, und denen wir uns tagtäglich erneut, und das sogar wissentlich, aussetzen. Wenn wir über Sterbefälle oder Unfallopfer lesen, distanzieren wir uns emotional davon. (An dieser Stelle rate ich zu diesem Artikel hier: So gefährlich ist unser Alltagsleben) Allein die Tatsache, dass in Österreich täglich mehrere Menschen einem Unfalltod erliegen, bringt Alkohollenker oder Extremsportler, die ständig auf der Suche nach dem nächsten Kick sind, nicht dazu, umzudenken. Aber Corona vermag es. Corona lässt uns Umdenken – So scheint es. Wir haben der Angst eine Krone aufgesetzt und lassen uns neuerdings auch von dieser leiten.

Plötzlich leben wir in einer Gesellschaft, die beschützt werden möchte. Eine Gesellschaft, die im Angesicht der Bedrohung, ihre Freiheit, ihre Grundrechte und ihre Mündigkeit aufgibt.

Wir verlangen von unseren Mitmenschen Solidarität. Wir fordern von ihnen, Masken zu tragen, auf Urlaube zu verzichten, nicht feiern zu gehen und genügend Abstand zu wahren. Ihre berufliche Existenz und ihre anderen Krankheiten sollen sie, dem Gemeinwohl zuliebe, gefälligst hinten anstellen. Und wehe dem, der sich sträubt. Verleumder, Verharmloser, Gefährder! Eine Verzichtserklärung auf intensivmedizinische Behandlung soll im Falle einer Infektion unterzeichnet werden. Ich denke, der Widerspruch zu unserer bisherigen Art zu leben, und wie wir bislang mit Todesfällen und Krankheiten umgegangen sind, liegt klar auf der Hand. Dennoch hindern uns unsere Emotionen am rationalen Denken. Während ich die Zeilen hier schreibe, sterben – allein in Österreich – unzählige Menschen. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Viele von ihnen womöglich sogar aufgrund der Covid-19-Eindämmungsmaßnahmen. Selbstmorde, zu späte Testergebnisse, verschobene Behandlungen sind Todesursachen, die man nicht weiterhin ignorieren darf. Es ist die Doppelmoral unserer Gesellschaft, die mich so nachdenklich stimmt. Und die Tatsache, dass so wenig Reflexionsbereitschaft bezüglich des eigenen Selbstbildes, oder eben anderer Gesundheitsrisiken vorherrscht. Zeitweise ängstigt mich das Verhalten meiner Mitmenschen weit mehr, als die Gefahr, vor diesem Virus. Wir leben nun mal in einer sehr scheinheiligen Welt. In einer, in der wir gekonnt über Tierleid, Folter, Krankheiten, Kindesmissbrauch, Hungersnöte usw. hinwegsehen können. Aber wehe man trifft uns dort, wo wir am verletzlichsten sind. Bei uns selbst (oder unseren Liebsten). Die Aussicht, dass wir selbst sterben, oder gar mit schlimmen Folgeschäden überleben könnten, ängstigt uns dermaßen, dass wir uns plötzlich hinter dem Wort Solidarität verstecken. Plötzlich ist sie uns wichtig. Wir predigen Gemeinwohl und leben Egoismus. Tag für Tag. Außer in diesem Jahr, da haben wir unserer eigenen Doppelmoral tatsächlich noch einmal die Krone aufgesetzt!

 

“Hast du Angst vor dem Tod”, fragte der kleine Prinz die Rose. Darauf antwortete sie: “Aber nein. Ich habe doch gelebt, ich habe geblüht und meine Kräfte eingesetzt soviel ich konnte. Und Liebe, tausendfach verschenkt, kehrt wieder zurück zu dem, der sie gegeben. So will ich warten auf das neue Leben und ohne Angst und Verzagen verblühen.

Antoine de Saint-Exupéry (Französischer Schriftsteller, 1900-1944)

 

Kleines Gedankenspiel am Schluss (Für alle die reflektieren möchten):

  1. Was lösen die Worte „Jeder wird jemanden kennen, der an Corona erkrankt“ bei mir aus?
  2. Welche Bilder sehe ich vor Augen, wenn ich an 100.000 Tote denke?
  3. Wie fühle ich mich, wenn ich täglich die steigenden Infektionszahlen mitverfolge?
  4. Wie ergeht es mir, wenn ich täglich mit der Krankheit konfrontiert werde?
  5. Was empfinde ich, wenn ich über schwere Folgeschäden lese?
  6. Habe ich Angst an dem Virus zu erkranken?
  7. Kann ich mir vorstellen, dass der Virus von heute auf morgen weg ist, und alles wieder wie früher ist?
    • Wie geht es mir, wenn ich an die Zeit davor denke?
  8. Glaube ich, dass dieser Virus im Gegensatz zu allen anderen Krankheiten, denen ich tagtäglich ausgesetzt bin
    (bzw. in der Vergangenheit ausgesetzt war), tatsächlich eine größere Bedrohung für mich darstellt?

    • Wenn ja – warum?

 

1 Response
  • axxa
    September 16, 2020

    Wow!!! Du hast es absolut auf den Punkt gebracht. Ich feiere Dich für diesen ausgezeichneten Artikel. Danke, dass es Menschen wir Dich gibt, die noch das Wesentliche sehen und verstehen. A Mensch möcht i bleiben! Der Corona Wahn soll uns nicht zu hirnlosen Zombies machen, die das kritische hinterfragen verlernt haben. Chapeau.

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