Personal | Vom Greenwashing, Billigfleisch und vertanen Chancen

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Anlässlich des kürzlich erschienen Interviews unseres Bundeskanzlers im „Time Magazine“ (hier) und dem darin propagierten Streben nach einer nachhaltigeren Klimapolitik, ergeben sich für mich – in Anbetracht der bis dato gelebten Politik – so einige Fragen…

„We Don’t Need to Destroy the Global Economy to Save the Planet. Instead, We Can Strengthen Both“
(Sebastian Kurz)

Die erste wäre wie folgt: Wie „grün“ und nachhaltig kann eine Wirtschaftspartei tatsächlich sein? Eine, die die Globalisierung und den damit einhergehenden Klimawandel auch noch befeuert? Die Corona-Politik unserer türkis-grünen Regierung zeigte mir nämlich nur eines: Den niedrigen Stellenwert, den unsere heimischen EPU´s und KMU´s für sie tatsächlich einnehmen. Betonte Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) anfangs noch, dass die Familienunternehmen und die KMU’s das Rückgrat unserer Wirtschaft seien, zeichnete sich für mich später allerdings ein ganz anderes Bild ab. Zusehens wurden eben diese in ihrer Wettbewerbsfähigkeit am globalen Markt geschwächt. Ausreichend Hilfestellung schien es nur für Großkonzerne – besonders die namhaften Global Players – und deren Lobbyisten zu geben. Sogar das Versprechen, dass Firmen mit Sitz in Steueroasen keine Förderung bekämen, erwies sich im Nachhinein als Falschaussage (1). Die Andritz AG jedoch, setzte an Dreistigkeit noch einen drauf. Als die Corona-Krise ausbrach, schickte das Unternehmen seine Mitarbeiter in Kurzarbeit und schüttete seinen Aktionären darauffolgend auch noch eine Dividende von 50 Mio. Euro aus (2). Da frage ich mich verständlicherweise, wie man mit einem derart kapitalistischem Wirtschaftsverständnis eine neue Ära der nachhaltigeren Klimapolitik einleiten möchte. Da wir uns immer mehr von der Bedarfswirtschaft wegbewegt haben, müsste man hier meiner Meinung nach nämlich eine Kehrtwende um 180 Grad vornehmen. Als Kapitalismus-Skeptikerin, sehe ich die Gefahr ganz klar im grenzenlosen Wachstum, dem unaufhörlichen Ressourcenverzehr und der schonungslosen Ausbeutung von Mensch und Tier. Wohin dieses „Wachsen und Weichen“ führt, zeigt sich auch ganz gut am Beispiel der deutschen Schlachterdynastie Tönnies. Der kleine Fleischermeister ums Eck, dessen Vieh von regionalen Bauern geliefert wird, und der sich der stressfreien Schlachtung verschrieben hat, ist schon lange nicht mehr gefragt. Billigfleisch aus dem Großhandel soll´s sein. Woher es kommt interessiert anscheinend niemand. Doch die Fotos aus den Artikeln, die seit den Corona-Ausbrüchen bei dem Schlachterbetrieb um die Welt gehen, sprechen Bände. Die bulgarischen, rumänischen, polnischen oder mazedonischen Arbeiter des Betriebs hausen in abrissreifen und verschimmelten Häusern. Die dort geschlachteten Tiere stammen aus Massentierhaltungen. Niedrige Tierschutzstandards machen’s möglich. Die dort geschlachteten Schweine sind meist nur wenige Monate alt. Und trotzdem weisen viele von ihnen schon massivste Organschäden auf. Jetzt könnte man meinen, dass diese Misswirtschaft ein „deutsches Problem“ sei. Jedoch überschwemmt das importierte Billigfleisch aus Deutschland auch den österreichischen Markt und setzt die heimischen Bauern zunehmend unter Preisdruck.

Deshalb kommen mir bei den Aussagen unseres Bundeskanzlers und seiner propagierten umweltschonenderen Schiene erhebliche Zweifel auf. Wenn dieser nämlich davon spricht, dass wir keine Fortschritte machen würden, wenn wir radikale Veränderungen vornehmen würden und nur durch künftiges Handeln Verbesserungen erzielen könnten, unterstelle ich ihm populistisches „Greenwashing(*)“ zu betreiben. „Erneuerbare Energien zu nutzen, mit biologisch abbaubaren Materialien zu bauen, Reisen mit synthetischen Kraftstoffen zu machen und die CO2-Emissionen in der Atmosphäre durch vielversprechende Technologien zu reduzieren“, klingt zwar schön und richtig, aber ich vermisse die Ansätze in diese Richtung bereits im Heute. Und da komme ich auf den Leitspruch der “Fridays for Future” – Bewegung „Change the System, not the Climate“ zurück. Die Dynamik des Kapitalismus beruht auf dem andauernden Entstehen des Neuen, an der Orientierung an eine vermeintliche Zukunft, anhand welcher die unternehmerischen Entscheidungen der Gegenwart getroffen werden. Wie leicht dieses System ins Wanken gerät, hat uns die Corona-Pandemie gezeigt. Leider hat es sich in seiner globalen Ausprägung und Vernetzung als nicht gerade krisenresistent erwiesen. Die Umgestaltung unserer Republik in eine amerikanisierte Hire- and Fire(**) Personalpolitik konnte dieser Krise ebenso wenig standhalten. Ich frage mich daher, warum wir eine nachhaltigere Politik nicht bereits im Hier und Jetzt – und mittels gezielterer Corona-Hilfsmaßnahmen – in Angriff genommen haben. Hätten wir unseren heimischen EPU´s und KMU´s mehr Hilfsgelder zukommen lassen, hätten wir bereits heute der zunehmenden Markt-Verdrängung durch Dumping-Riesen im Ausland entgegensteuern können. Da können wir auch gerne wieder auf die Schlachtbetriebe zurückkommen. Der enorme Einfluss von Massentierhaltung auf den Klimawandel ist unbestreitbar. Um das Nutzvieh binnen kürzester Zeit mit eiweißreichem Sojaschrot zu mästen, muss die Artenvielfalt des Amazonasgebiets zusehends den Soja-Feldern weichen. Zwischen 2000 und 2010 hat der Anbau von Soja in Südamerika zusätzliche 200.000 km2 Land beansprucht. Daher tut es mir Leid wenn ich die Schönrederei einer zukünftigen Klimapolitik nicht ganz so gutheißen kann. Natürlich ist mir klar, dass dieses System in dem wir leben, nicht erst seit gestern besteht. Noch ist es einer einzigen Partei zuzuschreiben, doch die Krise und den damit verbundenen Wiederaufbau erleben wir aktuell. Alles was ich sehe, sind vertane Chancen, zumindest bis jetzt. Und unweigerlich drängt sich mir die bereits einleitende Frage auf: Wie „grün“ darf eine Wirtschaftspartei heutzutage denn wirklich agieren?

(*)Greenwashing: ist eine kritische Bezeichnung für PR​-Methoden, die darauf zielen, in der Öffentlichkeit umweltfreundlich​ und verantwortungsbewusst zu wirken, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt. ​
(**)Hire and Fire (englisch: Heuern und Feuern) ist ein im deutschsprachigen Raum bekannter Begriff für eine flexible Personalpolitik.
Quelle: Wikipedia

(1) Corona-Hilfen an Steuersünder: 17 von 20 Konzerne trifft das Verbot der Regierung nicht: https://kontrast.at/corona-hilfe-oesterreich
(2) Andritz-Chef: Steuertrickser nimmt Staatshilfen und will sich 12 Mio. Dividende auszahlen: https://kontrast.at/wolfgang-leitner-andritz-kurzarbeit-dividende/

 

 

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